Abschied nach fünf Jahrzehnten

Rottweiler Sportkreispräsident Robert Nübel übergibt Amt in jüngere Hände

Von Jürgen Schleeh

Der Sportkreis Rottweil ohne Robert Nübel – das ist eigentlich unvorstellbar. Fast fünf Jahrzehnte lebte und engagierte er sich für den Sportkreis, davon prägte er fast 20 Jahre das Amt des Sportkreispräsidenten. Immer im Dienst der Vereine und Sportler, entwickelte sich der in Renfrizhausen wohnende Nübel zu einer Institution, wurde das Ehrenamt zu einer Lebensaufgabe für ihn, die den inzwischen 75-Jährigen erfüllte. Denn bereits seit 1967 war Nübel 26 Jahre als Sportkreis-Jugendleiter aktiv. „Ich habe es so lange gemacht, weil es mich begeistert hat, menschlich auch viel zurück gekommen ist“, betont er.

Ließ sich Sportkreispräsident Robert Nübel 2012 nochmals „überreden“, seinen Job für noch eine Periode weiterzuführen, sieht er nun die Zeit gekommen, um Platz für seinen Nachfolger zu machen. Ganz unvorbereitet trifft diese Entscheidung das Gremium des Sportkreises Rottweil also nicht und doch ist seit Wochen bei allen auch Wehmut zu spüren, dass der Tag des Abschieds näher rückt. Der ist am Freitag, 15. April, wenn in Schramberg der Sportkreistag des Sportkreises Rottweil zu seiner vierjährigen Turnusversammlung zusammen kommt.

Für den Sport und die Vereine im Kreis Rottweil, ebenso wie zuvor im damaligen Kreis Horb, durchlebte Robert Nübel eine enorme wie beispielhafte Zeitspanne, die immer wieder von Aufgaben und Herausforderungen geprägt war. Rückblickend erzählt Nübel: „Sportkreisjugendleiter war ich mit Leib und Seele, wenn ich da nur an unsere Freizeiten auf Sylt denke“, erklärt er, dass das Amt ihm auch viel zurückgab, „wir immer ein tolles Team waren“. Sein Engagement und Führungsstil blieb anderen nicht verborgen, die Nübel gern schon früher für „höhere“ Aufgaben gewinnen wollten. „Ich hab das aber immer wieder hinausgeschoben, denn mit der Jugend zu arbeiten, das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“.

Angesprochen auf die Anfänge, lässt Robert Nübel durchblicken: „Ich war ein leidenschaftlicher Fußballer, bei uns auf dem Dorf gab es ja nichts anderes. Wir waren eine sehr erfolgreiche Jugend, sind sogar Kreismeister im damaligen Kreis Horb geworden. Das aus einem Flecken mit damals 440 Einwohnern. Manchmal haben wir nicht mal elf Leute gehabt“, macht er auch deutlich, dass es eine verschworene Gemeinschaft in Renfrizhausen gewesen sei, die durch den Sport zusammengeschweißt wurde. Ein gewisser Stolz schwingt mit, als Nübel erzählt, „ich war ja der Torjäger, hab mal in einem Jugendspiel, damals gegen Bergfelden, zehn Tore in einem Spiel geschossen“. Die Begeisterung für den Sport lag ihm gewissermaßen im Blut. Als entscheidende Weichenstellung seines Werdegangs entpuppte sich eine sogenannte „Begabten Prüfung“.

„Ich bekam die Chance, über den zweiten Bildungsweg die Ausbildung zum staatlich geprüften Turn- und Sportlehrer zu machen“, eine Maßnahme der damaligen Landesregierung zur Abhilfe des Sportlehrermangels an den Schulen und zur Stärkung des Vereinssports.“ Das war der Anfang. Nübel erinnert sich noch sehr gut daran, „als ich am 4. April 1967 einen Anruf bekam und man mir sagte: Nübel, sie sind Sportkreis-Jugendleiter von Horb, am Samstag sind sie gewählt worden“. Dabei war er selbst gar nicht bei jener Versammlung anwesend. Vom damaligen Sportkreisvorsitzenden wurde das so „geregelt“, teilte man Robert Nübel mit. Diese unkonventionelle Vorgehensweise war aber auch Ausdruck und Anerkennung für die Fachkompetenz des jungen Robert. „So bin ich da hineingewachsen, man hat aber durch Lehrgänge alles von der Pieke auf gelernt.“ Es dauerte somit nicht lange, bis Nübel auch auf Ebene der Württembergischen Sportjugend aktiv wurde. Und über die baden-württembergische Sportjugend folgte der Sprung auf die bundesdeutsche Ebene. „Hier bin ich dann auch zur Jugendpolitik gekommen, das war ein entscheidender Schnitt“, berichtet der scheidende Sportkreispräsident. Denn nun eröffnete sich die Perspektive auch auf die internationale Sportbühne.

Geradezu sensationell angesichts der damaligen Zeit berichtet Nübel von der Einladung der FDJ für eine Beobachterdelegation zu den Weltfestspielen der kommunistischen Jugend nach Pjöngjang (Nord-Korea). „Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als der damalige Vorsitzende der deutschen Sportjugend mir sagte: da hab ich an Dich gedacht. Ich sagte, das geht nicht, ich krieg da keinen Urlaub. Doch es wurde alles geregelt.“ Der junge Robert Nübel wurde damit beruhigt: „Das lass mal unsere Sorge sein.“ Bereut hat er diese Aufgaben ebenso wenig. “Ich war in Pjöngjang, ich war in Japan, in Finnland, Spanien. All diese Reisen – daraus sind Netzwerke entstanden, die man nicht so schnell wieder aufgibt und die heute noch bestehen“, macht der 75-Jährige deutlich: „Mir hat der Sport mehr zurückgegeben, als ich dem Sport gegeben hat“, und betont: „Ich habe sehr viele interessante Menschen kennenlernen dürfen. Als Renfrizhausener Bub wär ich doch sonst nie in die weite Welt hinausgekommen.“ Nübel erinnert sich aber auch, dass es manchmal nicht leicht gewesen sei, Themen von Bundesebene auf Landesebene oder im heimischen Sportkreis zu vermitteln.

Für den Präsidenten des Sportkreises Rottweil stehen im Lauf eines Jahres nicht nur unzählige Pflichttermine auf dem Plan, ebenso gehören auch viele repräsentative Aufgaben dazu. „Das ist mir sehr wichtig, ich habe diese immer gern wahrgenommen, auch wegen den persönlichen Bande“, betont Robert Nübel. Als gläubiger Mensch nimmt er sich zu Herzen, was schon in der Bibel geschrieben steht: „Alles hat seine Zeit“ – und nun sei es an der Zeit, frisches Blut in dieses Amt zu bringen. Nübel fügt dabei an: „Ich kann loslassen und trotzdem genießen, wenn ich an die schönen Dinge zurückdenke.“ Dazu zählt für den 75-Jährigen ein Erlebnis in Finnland, als eine kleine Jugend-Delegation aus Deutschland zum Austausch in Finnland weilte, mit einem finnischen Rudersportler durch die endlosen Wälder des skandinavischen Landes streifte, die Natur hautnah und pur erlebte. Und als wenn es erst gestern gewesen wäre, erinnert sich Robert Nübel intensiv daran, als der finnische Ruderer bei einer Pause auf einer kleinen Lichtung jedem einen Apfel aus seinem Rucksack reichte. „Ich hab noch nie in meinem Leben mit so viel Bedacht einen Apfel gegessen“, macht er damit deutlich, wie sich dieses Erlebnis in seine Seele eingebrannt hat.

Als Glücksfall für die jungen Sportlerinnen und Sportler aus dem Kreis Rottweil erwies sich die über 14 Jahre stattgefundene Jugendfreizeit auf der Insel Sylt. Für Robert Nübel allerdings nahmen diese ein tragisches Ende, obwohl diese jährlichen Freizeiten begeisternd angenommen wurden. Dass der Sportkreis Rottweil überhaupt in den Genuss eines Zeltplatzes auf der Nordfriesischen Insel kam, war den Kontakten von Niels Liebehenschel, Sohn der seit langen Jahren für den Sportkreis tätigen Pressereferentin Gundi Liebehenschel, zu verdanken. „Egal bei welchem Wetter wir auf Stroh und Sand gezeltet haben, es war ein Erlebnis und eine Kameradschaft unter uns, wie man sie nur selten erlebt. Mich sprechen selbst nach all den Jahren noch Leute an, die damals dabei waren und davon schwärmen“, erzählt Robert Nübel. „Gundi war dabei die Mutter der Kompanie“, richtet er ein Lob an seine Weggefährtin.

Letztlich scheiterte dieses Projekt daran, dass sich keine Betreuer mehr für die Jugendlichen finden ließen. „Wir haben alles versucht, sogar Geld angeboten und doch mussten wir diese Freizeit absagen, das ist das traurige an der Geschichte“, so die Erkenntnis für Nübel, dass es immer schwerer werde, engagierte Helfer für junge Sportler zu finden. Insgesamt hielten sich jedoch gravierende Rückschläge in all den Jahrzehnten in Grenzen. „Auch wenn es mal unterschiedliche Zielsetzungen gab, fanden wir zueinander. Denn das ist klar: Allein ist man ja nichts“, verweist der Sportkreispräsident darauf, wie wichtig ihm und seinen Mitstreitern die Zusammenarbeit und Harmonie immer gewesen sei. Stolz ist Nübel auch, was in den Vereinen geleistet wird. „Wir haben starke Vereine, auch wenn vieles nicht nach außen kommt, aber innen, zu den Menschen dringt. Es ist schön, die Gesichter zu sehen, wenn jemand geehrt wird, die Goldene oder Silberne oder eine Urkunde erhält, wenn jemandem gedankt wird für seine Arbeit im Verein. Diese Wertschätzung ist die vornehmste Aufgabe des Sportkreises“, so Nübel.

Als eine gute Errungenschaft wertet Robert Nübel die Seminare für die Sportvereine zu vielschichtigen Themen wie Versicherungen oder Bauvorhaben. „Es hat zwar einige Zeit gedauert, bis wir einen Weg gefunden haben, aber seit die Referenten aus Stuttgart zu uns in den Sportkreis kommen, ist auch die entsprechende Resonanz vorhanden“, lässt er durchblicken, dass manchmal auch Hürden zu bewältigen waren. Als eine Zukunftsaufgabe für die Vereine sieht Nübel das Thema Flüchtlinge und deren Integration in der Gesellschaft. Rassistisches Gedankengut dürfe hierbei keinen Platz finden. „Wir haben immer Antworten gefunden, bin ich der Meinung, auch weil wir ein gutes Team im Gremium des Sportkreises sind“, betont Nübel.

Für die Nachfolge von Robert Nübel als Präsident des Sportkreises  Rottweil ist gesorgt. Wird er beim Sportkreistag am 15. April in Schramberg bestätigt, wovon auszugehen ist, übernimmt Karl-Heinz Wachter das Zepter von Nübel. Und Robert Nübel selbst? Angst, in ein Vakuum zufallen, bestehe nicht, versichert er. „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, es war kein langer Prozess für meine Entscheidung, das Amt des Sportkreispräsidenten abzugeben. Die Entscheidung ist in mir gereift im vergangenen Winter. Ich bin da viel spazieren gegangen bei uns zum Kloster Kirchberg und hab mir meine Gedanken gemacht. Mein Kopf sagt mir: Robert, es ist Zeit, auch wenn ich nie leicht loslassen konnte. Denn es stellt sich die Frage: Was ist danach? Darum muss ich mich noch kümmern…“, macht der 75-Jährige einerseits deutlich, dass er sich noch keine genauen Gedanken darüber machte, aber es gebe auch genügend Dinge, die seine intensivere Zuneigung erfahren sollen. „Sei es im familiären Bereich oder auch seine persönliche Geschichte zu dokumentieren – es ist doch eine Lebensgeschichte.“ Nicht ausgeschlossen ist für Robert Nübel, dass er sich in der Aufarbeitung der historischen Entwicklung der Stadt Sulz und deren zahlreichen Stadtteile einbringt. „Ich bin ein Kommunalpolitiker der weiß, dass das Dorfleben wichtig ist, es Menschen hat, die sich dafür engagieren.“

 

„Ich will nicht jammern, dass es vorbei ist, sondern ich bin dankbar, dass ich diese Zeit hatte. Ich bin den Menschen dankbar, die ich kennenlernen durfte und ich bin dem Sport dankbar“, blickt Robert Nübel auf seine vielen Jahrzehnte im Dienste des Sports zurück. Um die Zukunft des Sportkreises Rottweil ist ihm keineswegs bange. „Ich weiß, dass in den Gremien gute Leute sind, Frauen und Männer, vor allem Frauen, da kann ich mich beruhigt verabschieden. Ich muss mein Leben vereinfachen, mehr genießen und wenn man die Natur liebt, ist man auf einem guten Weg“, blickt Robert Nübel der Zeit nach dem 15. April optimistisch entgegen.

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